Jürgen von Bülow:
"Ich bin's, Nika" - Band 1
Leseprobe




Da bin ich gerade mal fünfzehn und hatte mir eigentlich geschworen, nie mehr öffentlich aufzutreten, aber dass ich doch mal im Fernsehen singen würde, und zwar vor zwei Millionen Zuschauern, und dass mein erster Hit die Leute so komplett umhaut und sie am nächsten Tag die Plattenläden stürmen, das hätte ich nie und nimmer...
Halt! Schluss mit dem Schrott, das klingt ja voll eingebildet und ist sowieso nur die halbe Wahrheit!

Am besten, ich fang noch mal von vorne an:
Es ist kaum zu glauben, was in einer Woche alles passieren kann! Genauso lange hat die ganze Geschichte mit Luka nämlich gedauert, von Sonntag bis Samstag, also genau genommen nicht mal eine Woche...
Nein, das klingt auch irgendwie dämlich! Wie fang ich nur an?

Also noch mal, aber diesmal wirklich ganz von Anfang an:
Es ist Sonntagvormittag, ich hänge bei meinem Patenonkel Jörg vor der Glotze und schaue mir den KidKid Club an. Eigentlich interessiert mich dieser Kinderkram schon seit Jahren nicht mehr, aber weil Jörg die Sketche für die Sendung schreibt und er immer begeistert mitfiebert, wie die beiden Moderatoren seine Szenen spielen, will ich keine Sendung verpassen.
So weit, so gut – alles hätte wie immer sein können, wenn Jörg nicht plötzlich diese blödsinnige Idee mit dem „KidKid Song“ und diesem blödsinnigen Typen gehabt hätte...

Genau, jetzt weiß ich endlich, wie ich die Geschichte anfange:
Zeit: Sonntagvormittag.
Ort: Jörgs Wohnzimmer.
Situation: Ich hocke vor Jörgs Riesenglotze und warte, dass mein Patenonkel sich neben mich setzt, als plötzlich...


Wie alles anfängt

Plötzlich erscheint dieser Typ im Zimmer,
lümmelt sich in den Sessel, der am weitesten von mir entfernt ist, schnappt sich eine Musikzeitschrift, glotzt gelangweilt drein und das, ohne auch nur eine Sekunde zu mir rüberzusehen – aber mir klopft auf einmal das Herz, als ob ich auf meinem Isländer sitze und mit vollem Galopp durch die Wälder rase! So was ist mir ja noch nie passiert, ich bin doch kein doofer Teenie!
Ich halte die Luft an und horche.
Tatsache: Bei mir da drinnen klopft‘s wie auf ‘ner Techno-Party!
Das kann doch wohl nicht sein, schließlich bin ich keine vierzehn mehr und seit mir Marco mit elf einen Kuss auf den Mund gedrückt und dabei versucht hat, mir seinen Kaugummi rüberzuschieben, finde ich Jungs einfach nur peinlich, kindisch und extrem überflüssig!
Ich halte noch einmal die Luft an und horche.
Wumm-wumm-wumm – bei mir da drinnen läuft immer noch die Techno-Party!
Das gibt’s ja nicht, doch nicht wegen einem Typen, der mit mir im gleichen Zimmer sitzt?
Was macht er, wieso schaut er nicht her? Ich will ja nicht eingebildet klingen, aber Jungs schauen normalerweise immer zu mir her, wenn ich irgendwo auftauche! Also, wieso glotzt der Typ nicht her?
Aber klar doch, ich verstehe: er spielt den Coolen, so wie alle Jungs! Jungs hängen immer cool rum und ziehen immer ‘ne coole Show ab, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen!
Ganz ruhig, Nika, ganz ruhig – vielleicht nervt dich ja was ganz anderes? Genau: Mich nervt, dass mein lieber Patenonkel, statt neben mir zu sitzen, seit zehn Minuten in der Küche steht und mit irgendsoeiner Frau redet! Wieso macht er das? Es ist Sonntagvormittag, da will ich mit ihm den KidKid Club ansehen und nicht mit einem langweiligen Stummfisch die Luft teilen!
So, habe ich meine Pulsfrequenz endlich auf Null gelabert? Fehlanzeige, immer noch zu hoch! Einfach im Geiste weiterplappern, irgendwann muss ich doch ruhiger werden, ich darf nur nicht an den Kerl da drüben...
Wieso macht mich jemand, von dem ich nicht mal weiß, wie er aussieht, so verrückt? Die Millisekunde, in der er sich in den Sessel gedonnert hat, war sein Gesicht hinter seinen langen, hellblonden Haaren versteckt. Was sagt mir das? Der Typ hat gar kein Gesicht! Genau: der kann nicht reden, der kann nichts sehen, der sieht nach nichts aus – kurz: der Typ ist die Vollpanne!
„Hey, du da drüben“, denke ich still, „bilde dir bloß nicht ein, dass ich zu dir rübersehe, ich weiß genau, dass du das merken und dir sofort wer-weiß-was einbilden würdest!“
Ab sofort mache ich es genau wie er: Ich höre auf mich zu bewegen, stelle das Atmen ein, starre stur geradeaus und konzentriere mich auf den Sketch, der gerade im Fernsehen läuft:
Jule und Ben, die beiden Moderatoren vom KidKid Club, wollen heute eine richtig coole Wettershow machen. Ben beginnt zu labern, doch plötzlich bringt das Stachelschwein eine Leiter, das Stinktier steigt auf ihr hoch und hält über Bens Kopf eine Pappwolke. Dazu muss man wissen, dass die beiden verrückten Tiere von zwei Kindern gespielt werden, die in richtig genialen Kostümen stecken. Ben zeigt dem Stinktier sofort den Vogel und meint, heutzutage könne man das Wetter doch nicht mit einer Pappwolke ankündigen, das sei total uncool, doch Jule findet die selbstgebastelte Wolke echt kultig und sagt...
Wieso beachtet mich der Typ nicht? Hat er was gegen meine langen, blonden Haare, stimmt mit denen irgendwas nicht? Oder bin ich ihm zu schlank oder zu groß? Oder steht der nur auf Jungs, ist der vielleicht andersrum? Was ist, rede endlich...!
Bevor ich komplett durchdrehe, hole ich tief Luft und sage:
„Hallo!“
Oh, Mann, was soll denn das? Er müsste doch zuerst was sagen, nicht ich! Wer ist denn hier der Kerl? Und dann noch so ein supersoft-gehauchtes „Hallo!“
Aber seine Reaktion ist auch nicht viel besser: Ohne hochzuschauen murmelt er so was wie „Hi“, noch gehauchter wie ich eben, und dann stiert er weiter in seine Zeitschrift für Idiotenfische.
Der Kerl ist wirklich die Vollpanne! Wie kommt Jörg dazu, mich mit so einem in ein Zimmer zu setzen? Langsam werde ich richtig sauer!
Ich starre wieder in die Glotze und sehe, dass im KidKid Club gerade etwas Wunderbares passiert: Das Stinktier dreht die Pappwolke so weit nach unten, bis sie senktrecht über Bens Kopf steht. Plötzlich ergießt sich ein kräftiger Wasserstrahl über Bens Haare und Ben wird supernass! Ein voller Wassereimer war hinter der Pappwolke versteckt – das Stinktier muss so laut lachen, dass es beinahe von der Leiter fällt! Recht so, liebes Stinktier: Wenn sich jemand besonders cool aufspielt, dann hilft nur eins: Volldusche, direkt über den Kopf!
...


(Ausschnitt)
Freitag, der Tag vor dem großen Auftritt:

...
Wir düsen nach Schwabing, stürmen von Schniekeladen zu Schniekeladen, Serge und Louis ziehen wichtigtuerisch irgendwelche Kleider aus den Regalen, verlangen, dass ich dies oder das oder jenes anziehen soll, ich ziehe brav alles an, aber immer dann, wenn sie mich darin sehen, verziehen sie hysterisch das Gesicht und reißen mir die Sachen vom Leib, so sehr beleidigt mein Anblick ihr „ästhetisches“ Gefühl. Bei der ganzen Aktion schauen sie mir weder in die Augen, noch sprechen sie mit mir, noch wollen sie wissen, was ich davon halte. Sogar die M. lässt sich vom Getue der beide einwickeln. Langsam dämmert mir, dass die beiden nicht den geringsten Plan haben, was sie eigentlich wollen: Ich soll lieb und brav aussehen, immerhin trete ich in einer öffentlich-rechtlichen Kindersendung auf, gleichzeitig aber „witzig“ und „frisch“ und „irgendwie neu“!
Im siebten Designerladen passiert es dann:
Nicht, dass es mir was ausmacht, weiße Wildlederstiefeln mit lila Fransen und ein Blümchen-T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln anzuprobieren. Wie ich aussehe ist mir langsam echt egal, doch als ich mich umdrehe und mitkriege, was Serge Sarie-Ann angezogen hat, raste ich aus:
Sie sieht genauso aus wie Emmi gestern Abend: Bauchfreies Top, keinen BH, alles zeichnet sich ab, jede Schuppe, superkurzer Karo-Faltenrock, weiße Kniestrümpfe! Plötzlich sehe ich Lukas Hand auf Emmis Bauch, sehe wie er sie umarmt, wie er sie küsst, – jetzt reicht es, ich kann nicht mehr! Ich spüre, dass ich stinksauer werde, nein, total wütend, nein, ich explodiere:
„Es reicht! Das ist kein neues Image, das ist Komplettmüll!“, schreie ich hysterisch und lege los:
„Was soll das werden? Das soll neu sein? Das läuft jeden Tag in jedem japanischen Comic und in jedem Video auf MTV! Das hab ich schon hundertmal, ach was, hunderttausend Mal gesehen! Und die Kids erst recht!“
Totalschock, Stille, alles erstarrt. Gerade war hier noch wildes Gewusel, jetzt herrscht die absolute Bewegungslosigkeit. Welch Ungeheuerlichkeit: Eine Noch-Nicht-Erwachsene wagt zu widersprechen!
„Bitte?“, röchelt Serge und seine einzigen beiden Gehirnzellen versuchen, einen kompletten Satz zu bilden. Dann streckt er den Oberkörper vor wie ein Pfau und säuselt arrogant und superleise:
„Liebes Fräulein, ich hab den Song gehört und ich weiß, das ist ein Song, den du weder geschrieben noch arrangiert noch produziert hast. Du hast ihn zu singen, c’est tout. Du machst deinen Job, ich mache meinen Job. Wir sind hier nicht in der Schule, wir sind Profis und wollen professionell arbeiten, aber das lernst du vielleicht noch.“
Der Affenschnösel hat recht: Ich bin nur ein Abziehbild, kein Musiker, ich bin nur Sängerin! Ich sollte meine große Klappe halten und klein beigeben! Aber ich kann nicht klein beigeben, dazu bin ich viel zu sauer:
„Sie sind also professionell? Haben Sie auch nur ein Wort mit mir geredet? Wissen Sie irgendwas von mir? Wissen Sie irgendwas von jemanden, der so alt ist wie ich? Wie alt bin ich, irgendeine Ahnung? Sie werden es kaum glauben: Die Kids da draußen merken sofort, wenn ein alter Typ versucht, sie zu verarschen!“
Serge wird dunkelrot, meine „zu-alt“-Nummer ist der Volltreffer!
Plötzlich lässt Herr Designer die Maske fallen und wird ausfallend:
„Ich muss mir von einer vierzehnjährigen, dummen Rotznase nicht sagen lassen, wie ich meinen Job zu tun habe! Ich nicht, ich nicht!“
„Und ich muss mir nicht von einem vierzigjährigen pseudofranzösischen Opa sagen lassen, worauf wir Rotznasen abfahren und was uns Rotznasen komplett nervt!“, kontere ich.
Jetzt ringt Serge nicht nur nach Worten, sondern auch nach Luft. Ich bin vielleicht wirklich nur eine dumme Rotznase, aber ich bluffe einfach besser!
Serges Stimme erreicht die Tonlage von Daisy Duck.
„Ich will, dass bis auf Frau Montafon alle augenblicklich den Raum verlassen. Frau Montafon und ich müssen miteinander reden!“
Wie: ‘Wir müssen reden, allein!‘, mehr fällt dem Kerl nicht ein? Schwache Leistung, Serge, ganz schwach!
Ich ignoriere einfach, was er gesagt hat, werde fürchterlich nett und äffe unseren Deutsch-Neubert nach, wenn er einen auf „konstruktive Kommunikation“ macht:
„Herrschaften, ich habe eine Idee: Das, was Sie uns vorgeschlagen haben, ist eine ordentliche Basis, aber jetzt sollten nur noch wir Frauen entscheiden, welchen Ihrer Vorschläge wir in Betracht ziehen! Bitte keine weitere Diskussion, wir müssen zum Punkt kommen, ich muss heute noch meine Stimme trainieren und ich brauche Schlaf!“
Serge schaut mich an wie ein Pferd, Louis blickt betreten zu Boden und Sarie-Ann steht kurz vor dem Lachanfall des Jahrhunderts. Und die M.? Die hat sofort kapiert, dass ich mich nicht aufspielen, sondern nur irgendwas auf die Reihe bringen will, was aber nicht geht, wenn dieser Nullblicker dabei ist. Geschickt zieht sie Serge aus dem Laden, säuselt vertraulich „...deine Entwürfe sind wunderbar, den Feinschliff machen wir Frauen kurz allein...“, Louis trottet brav hinterher und ich atme auf.
Kaum sind sie draußen, prustet Sarie-Ann los:
„Nika, das war superkrass! Eine Sekunde länger und ich hätte mir in die Hose gemacht!“
Aber mir ist nicht zum Feiern zu Mute, im Gegenteil: Ich hab plötzlich eine Riesenangst vor meinem Auftritt. Und ich bin stinksauer: auf Luka, die M., Jörg, diesen bescheuerten Song und sogar auf Sarie-Ann:
„Hör auf, mich so in den Himmel zu loben! Ich hätte meine blöde Klappe halten sollen!“
Sarie-Ann schaut mich erschrocken an.
„Tut mir leid, aber ich will jetzt nicht nett sein, ich will nie wieder nett sein! Ich bin nur ein stinknormales, stinkdurchschnittliches Mädel, das mit viel Glück im Fernsehen auftreten darf und für den ganze Käse auch noch einen Plattenvertrag kriegt! Mehr ist da nicht!“
„Aber das ist doch...“, wirft Sarie-Ann ein, doch ich unterbreche sie sofort:
„Jeden Moment steht die bescheuerte Montafon wieder hier und dann muss ich wissen, was ich anziehe und was für ein „tolles, neues, unverwechselbares“ Image ich habe! Image, ich? Was hab ich denn, wer bin ich denn? Ich bin nix, nix! Mir reicht’s, ein für alle Mal!“
Sarie-Ann ist geschockt und erst mal ruhig. Doch da kommt schon die M. allein zurück und schaut mich ebenfalls bewundernd an. Wie ich es hasse, alles! Und plötzlich, ohne zu überlegen, was ich mache, hebe ich meine Hand und zeige den beiden meinen Stinkefinger – ich halte den beiden so richtig den Stinkefinger vor die Nase und schaue sie so böse an, wie ich kann!
„Stinkefinger! Das ist mein Image! Stinkefinger!“
Die M. und Sarie-Ann wissen nicht, ob ich sie gerade persönlich angreife oder ob das ein ernst gemeinter Vorschlag meinerseits sein soll. Dann eben für Doofe:
„Wie heißt es im Song: „Lass dir nix gefallen!“ Das ist es: Sich nix gefallen lassen! Ich lass mir nix gefallen und die Kids sollen sich auch nix gefallen lassen! Jetzt klar, was ich meine?“
Sarie-Ann atmet erleichtert auf, sie ist megafroh, dass ich nicht persönlich etwas gegen sie habe. Die M. dagegen überlegt und überlegt, dann auf einmal fällt bei ihr der Groschen, nein, schlimmer: Bei ihr klingeln sämtliche Alarmglocken! Sie reißt die Augen auf, klatscht begeistert in die Hände und ist nicht mehr zu halten:
„Stinkefinger! In der Live-Sendung, ohne Ankündigung! Die Kamera ist ganz nah auf dir, dann singst du den Refrain und zeigst urplötzlich den Stinkefinger! Schock total! Erst du und am Ende machen alle Kids im Studio den Stinkefinger! Das geht live in zwei Millionen Kinderzimmer und steht am Montag in jeder Zeitung und die Scheibe schießt in die Top 20! Ach was, Top 10!“
Was, wie? Das ist doch zum Kotzen! Da will man nur noch das tun, was man will, schon machen die Erwachsenen ein Geschäft daraus!
Entnervt rufe ich:
„Und was soll ich jetzt anziehen?!“
„Doch egal!“, winkt die M. ab und hängt schon am Handy, um ihrem obersten Plattenboss die neue, wahnsinnig tolle Idee zu erzählen.
„Ich zieh aber nur Sachen an, die komplett daneben aussehen“, sage ich zickig, „und ich will, dass man die Preisschilder sieht, und zwar alle und ganz deutlich, weil wir alle käuflich sind, auch schon die Kids!“
Die M., Sarie-Ann und selbst die schüchterne Verkäuferin nicken zustimmend.
Jetzt ist der Punkt erreicht – ich gebe auf, ich resigniere! Ich habe nur noch Angst, dass ich mich morgen so heftig vor allen Leuten blamieren werde, dass sie sich bis in alle Ewigkeit daran erinnern werden...
Während um mich herum der ganze Wahnsinn seinen Lauf nimmt, muss ich an Luka denken und mir wird schlecht und ich finde, dass ich das Leben ziemlich zum Kotzen ist und ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, den ganzen Zirkus noch weiter mitzumachen.


Erschienen im KOSMOS Verlag
www.kosmos.de



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