Jürgen von Bülow:
"Ich bin's, Nika" - Band 2
Leseprobe




Der große Tag – die Vorauswahl
(Ausschnitt)

...
Leider dauert alles ewig und länger. Dafür sehen wir aus nächster Nähe, wie die Kandidatinnen zu ihrem Vorsingen durch die mittlere, weiße Tür gehen und dann wieder zurückkommen. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Alle bekommen eine Absage, ausnahmslos! Manche, die vorgesungen haben, sind vollkommen frustriert und verstehen die Welt nicht mehr, andere bekommen einen Wutausbruch und wieder andere nehmen es gelassen, fast so, als haben sie nichts anderes erwartet. Eigentlich dachte ich, dass wenigstens die exotischen, überdrehten Typen weiterkommen, einfach nur, weil verrückte Leute Abwechslung in so eine knallharte Show bringen, doch die Jury hat bis jetzt noch niemand weiterkommen lassen.
Und endlich, nach fast einer Stunde, ist Nummer 53 dran. Wir hören, wie Jemand „hier“ ruft, wir hören, wie die Tür sich öffnet und wieder schließt, doch dann hören wir nur noch unseren Atem. Meggi, CC und ich stehen auf und konzentrieren uns aufeinander. Wir drei halten uns fest, Arm in Arm, wie eine Handballmannschaft vor ihrem großen Spiel. Ich glaube, wir drei waren uns noch nie so nah. CC atmet schnell, viel zu schnell. Ich versuche, sie zu beruhigen, sie lächelt verkrampft. Dann hören wir die Tür schlagen und kurz darauf sagt Nora: „Nummer 54“.
Im ersten Moment reagieren wir nicht, doch dann lösen wir uns voneinander, klatschen uns ab wie Jungs und gehen zum Eingang.
Nora öffnet die Tür und denkt, dass nur CC durchgeht. Doch bevor sie reagieren kann flutschen Meggi und ich ebenfalls durch. Ich ziehe schnell die Tür hinter mir zu, damit Nora uns nicht zurückholen kann.
Im Inneren ist es auf einmal sehr ruhig. Sehr ruhig und kühl. Kein einziger Sonnenstrahl kommt von außerhalb in die große, ovale Reithalle, nur ein kleiner Bereich in der Raummitte wird von mehreren Scheinwerfern erleuchtet. Alles wirkt irgendwie unecht oder so, als ob gerade Außerirdische gelandet sind und wir die drei ersten Menschen sind, die sie verhören werden. Wir haben noch nicht den hell erleuchteten Teil in der Mitte erreicht, da ertönt eine Stimme:
„Immer nur eine!“
Wir drei antworten nicht, sondern gehen frech weiter.
„Immer nur eine!“, hören wir noch mal. Irgendwie klingt die Sprecherin müde und leicht genervt.
Jetzt stehen wir genau in dem erleuchteten Bereich. Vor uns steht auf einem Stativ eine kleine Kamera. Das schwache, weiße Licht des Monitors erhellt kaum das Gesicht des jungen Kameramanns. Oben an der Kamera leuchtet eine winzige, rote Lampe. Links von der Kamera stehen zwei riesige Lautsprecher, auf der anderen Seite befindet sich ein Tisch, an dem einsam eine Frau sitzt. Soweit man, auf grund der Dunkelheit erkennen kann, ist sie um die dreißig. Sie trägt eine auffallende dunkle Brille, eine dunkle Bluse und eine passende Hose. Die langen Haare sind hochgesteckt.
Ich bin zwar alles andere als ruhig, trotzdem bewundere ich einen Moment lang den riesigen Kronleuchter, der über uns hängt. Er ist so groß wie eine ganze Pferdebox.
Wir drei schauen uns in die Augen. Jetzt wird es ernst.
„Was soll denn das?“, hören wir die Frau sagen. Sie klingt wirklich müde.
„Wir singen zusammen“, sagt CC forsch und strahlt. Keiner von uns ist eingeschüchtert, im Gegenteil: Wir wollen endlich zeigen, was wir können! Und wir können was, diese Frau wird es gleich umhauen!
CC schaut uns an. Dann schnipst sie, wir schnipsen ebenfalls, sie beginnt mit dem berühmten Basslauf und dann geht es los: Meggi singt super, CC ist ein bisschen zu schnell, aber ich kann sie mit meinem Blick bremsen. Die beiden geben ihr Bestes, obwohl sie plötzlich sehr nervös sind und immer wieder hilfesuchend zu mir herschauen. Ich gebe mich vollkommen ruhig und lasse mir nicht anmerken, dass mein Puls wie verrückt rast. Ich lache die beiden aufmunternd an und gebe ihnen unendlich viel Sicherheit. Dass Meggi schlechte Nerven haben wird, war eigentlich klar, aber dass CC so extrem unsicher ist, habe ich nicht erwartet. Doch es läuft alles gut und neben dem Singen ziehen wir eine perfekte Show ab. Der Hälfte des ersten Verses ist gerade vorbei, gleich kommt der Mittelteil, da brüllt auf einmal die Frau so laut, dass wir erschrecken und schlagartig zu singen aufhören.
„Stop!“, brüllt sie in ein Mikrofon, „ ich habe gesagt: Immer nur eine!“
„Wir singen aber zusammen!“, sagt jetzt CC aufgebracht. „Zoomland- TV sucht eine Girlband und wir sind eine! Und jetzt lassen Sie uns gefälligst singen!“
CC ist richtig sauer, so kenne ich sie überhaupt nicht. Die Frau donnert ihr Mikrofon auf den Tisch, so heftig, dass aus den Lautsprechern ein ohrenbetäubender Knall zu hören ist. Dann pfeift es gleichmäßig.
„Hört ihr schlecht?“, schreit sie uns ohne Mikrofon an, „ihr singt nicht zusammen! Entweder eine oder keine!“
Der Blick der Frau trifft Meggi, dann mich. Ihre Augen wirken eiskalt. Doch CC lässt sich nicht einschüchtern:
„Wir sind gut, das wissen Sie ganz genau! Wieso sollen wir nicht...“
Weiter kommt CC nicht. Die Frau nimmt das Mikrofon und übertönt ganz einfach CCs Stimme.
„Ich kenn dich! Du warst in dieser Live-Show vom KidKid Club. Nika Berger, richtig?“
Was soll denn das jetzt? CC bleibt das Wort im Hals stecken.
„Fangt noch mal an“, sagt sie trocken, legt das Mikro auf den Tisch und legt sich auf ihrem Stuhl zurück. Die ganze Zeit starrt sie nur mich an.
„Vergiss es, die will nur Nika“, flüstert Meggi leise zu CC.
CC schaut Meggi verstört an.
„Quatsch!“, sage ich, „los, noch mal wie eben, jetzt geht es um alles! Der zeigen wir’s! CC?“
CC nickt und beginnt den Takt zu schnipsen. Die beiden wirken verunsichert, doch ich reiße sie einfach mit. CC singt wieder zu schnell, ich bremse sie. Und dann erwischt Meggi ihren Ton nicht, aber ich singe schnell lauter, so dass es wie ein Fehler von mir aussieht. Die Frau hat den schiefen Ton sofort gehört, aber einen weiteren Fehler wird sie nicht hören können, denn ich werde keinen Fehler machen, da kann sie mich noch so anglotzen!
Beim Refrain vergessen Meggi, CC und ich endlich die ganze, blöde Welt um uns herum. Wir singen fast so gut wie eben im Foyer, sehen uns die ganze Zeit in die Augen, lachen und singen aus volle Kehle! Es geht uns richtig gut dabei, so gut wie nie! Meggi, CC und ich sind das unschlagbare Trio! Hallo Welt, wir kommen!
Nach dem letzten Ton lachen wir laut und klatschen vor Freude. Sogar der riesige Kronleuchter sendet mir vor Begeisterung kleine Lichtblitze.
Dann herrscht Stille. Zwei, drei Sekunden absolute Stille.
Schließlich sagt die Frau etwas. Ohne Mikrofon, ganz sachlich, einfach so.
Sie sagt:
„Nika ist weiter.“
„Was heißt das: Ich bin weiter?“, frage ich fassungslos.
„Du bist weiter“, wiederholt sie noch mal. Sie wirkt plötzlich eigenartig ruhig.
„Das wusste ich vorher, die wollen nur Nika“, sagt Meggi leise und will gehen. CC bringt kein Wort heraus, mit offenem Mund steht sie da und blickt von einem zum anderen.
„Die erste Show ist am Mittwoch, in Köln“, sagt die Frau kühl. Sie nimmt einen Kuli in die Hand, beugt sich über einen Zettel, um ihn zu unterschreiben.
Wieso nur ich? Wieso nicht wir drei? Das darf nicht sein, das kann nicht sein! Da muss ich was dagegen tun! Unbedingt!
„Ich will, dass wir alle drei weiterkommen!“, sage ich fordernd, „wir sind gut, wir sind sogar sehr gut! Entweder alle oder keine!“
Plötzlich explodiert die Frau: Sie feuert ihren Kuli auf den Tisch und steht so schnell auf, dass ihr Stuhl umfällt.
„Glaubst du, ich lass mir von einer 16-jährigen Göre sagen, was ich zu entscheiden habe? Ich gebe dir drei Sekunden, wenn du dann nicht zusagst, war’s das für dich!“
Die ist wie die Montafon! Eine Hexe! Eine Hexe mit hässlicher Brille!
„Ich geh hier nicht raus, nicht, bevor sie uns alle drei weiterlassen!“, schreie ich zurück. Ich komme mir vor wie ein beleidigtes Kleinkind, dem jemand das Spielzeug geklaut hat, aber ich kann nicht anders! Ich bin so wütend wie noch nie!
„Was bildest du dir eigentlich ein?“, faucht die Frau zurück, „du kommst hierher, ziehst eine blöde Teenie-Show ab, wie es peinlicher nicht geht und versteckst dich hinter deinen Freundinnen! Du hast mich kein bisschen überzeugt, da war dein Auftritt im Fernsehen tausend Mal besser. Das da eben war nix, gar nichts! Das hatte gerade mal Schulmusical-Niveau, mehr nicht!“
Mir bleibt die Luft weg. Die Tränen schießen mir in die Augen und alles dreht sich plötzlich. Peinliche Teenie-Show? Ich verstecke mich hinter meinen Freundinnen? Schulmusical-Niveau?
„Du hast drei Sekunden“, fährt sie fort, „dann sagst du mir, ob du weitermachst oder nicht. Die beiden anderen sind raus! Bei denen wird das mit dem Singen nie was!“
CC schaut mich versteinert an. Auch ihr schießen die Tränen in die Augen.
„Also: Eins, zwei...“, zählt die Frau.
„Sie macht weiter“, sagt Meggi plötzlich laut. „Nika macht weiter!“
„Nicht ohne euch“, antworte ich leise.
„Drei! Das war’s dann!“
„Nika ist todsicher die beste Sängerin, die heute vorsingt!“, sagt Meggi.
„Wir suchen nicht nur eine tolle Stimme, wir suchen auch jemanden, der weiß, was er will, jemand mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung! Bei Nika sehe ich nichts davon, die hat weder Ausstrahlung noch Biss!“
So! Ich habe also keinen Biss! Das ist es, was sie sehen will! Gut, das kann sie haben! Dann zeige ich ihr jetzt mal „Nika mit Biss“!
„Sie wollen also nicht, dass ich mitmache, ja?“, sage ich drohend.
„Ganz genau. Ich hab’s mir anders überlegt.“
Plötzlich rase ich Richtung Tür.
„Gut, dann gehe ich jetzt da raus und sage jedem von der Presse, was hier passiert ist! Ich sage, dass Sie mich nur nicht nehmen, weil ich bei „drei“ nicht „ja“ gesagt habe! Dass Sie sich es einfach „anders überlegt“ haben! Wer’s nicht glaubt, der kann meine Zeugen fragen oder sich die Kamera-Aufzeichnung ansehen!“
Als ich an der Tür bin, reiße ich beide Türflügel auf. Sie schwingen krachend nach draußen. Alle Leute im Foyer schauen erschrocken zu uns herein. Die Brillenfrau schaut mich mit hochrotem Kopf an, dann greift sie zum Kuli und unterschreibt einen Zettel. Abfällig wirft sie den Zettel auf den Boden. Ich rühre mich keinen Millimeter von der Stelle, ich schaue sie nur an. Sie kann meinen Blick nicht halten, sie schaut weg.
Meggi rennt zu dem Zettel, hebt ihn auf, zieht im Vorbeilaufen CC mit sich, dann kommt sie zu mir und gibt mir das Blatt. Auf dem Zettel steht: „Recall“.
„Du bist weiter, sie hat’s unterschrieben“, raunt Meggi mir zu. Dann schiebt sie CC an mir vorbei und drängelt sich durch die Masse an Leuten, die im Foyer stehen und uns anstarren. Ich folge Meggi und CC, sie bilden eine schmale Gasse für mich. Plötzlich kommt Fiona, die Kamera im Anschlag, auf uns zugerannt. Als sie die Kamera auf CC richtet, schreit Meggi sie an, dass sie endlich aufhören soll zu filmen.
Im Vorraum ist es totenstill. Alle sehen mich an. Fiona nimmt die Kamera runter und fragt leise, was denn los sei. Ich sage nichts, sondern gehe stumm weiter.
„Bist du raus?“, fragt Fiona.
„Nein, ich bin weiter“, sage ich leise, damit CC und Meggi, die vor mir hergehen, es nicht hören können.
„Aber dann ist doch alles gut?“, wundert Fiona sich.
„Nein, ist es nicht“, antworte ich.


Eine Freundschaft zerbricht

Kaum sind wir draußen, beginnt CC wie verrückt loszulaufen.
Meggi und ich rennen ihr hinterher. Erst als wir eine menschenleere Nebenstraße erreichen, hält CC an und kauert sich auf die nächstbeste Mauer. Sie verbirgt ihr Gesicht und heult fürchterlich. Sie heult so sehr, dass ihr Rücken immer wieder zusammenzuckt und sie kaum Luft bekommt. Meggi setzt sich neben sie und legt den Arm um sie. Ich halte etwas Abstand, weil ich nicht weiß, wie ich ihr helfen kann. Als CC sich mal die Hand gebrochen hat, mit sieben, da habe ich sie zum Arzt gebracht und während der ganzen Zeit hat sie genauso geheult.
Ich warte still. Eigentlich sollte ich mich freuen, dass ich weitergekommen bin, aber ich fühle mich mies, unendlich mies. Vielleicht sollte ich etwas sagen. Nur was?
„Es tut mir leid, dass es bei euch nicht geklappt hat! Ehrlich, CC, ganz ehrlich!“, sage ich leise.
Auf einmal richtet CC sich auf und sieht mich feindselig an. Sie heult immer noch, die Schminke läuft ihr in schwarzen Streifen über beide Wangen.
„Du denkst immer nur an dich!“, faucht sie mich an. “Du hast da drinnen eine Riesenshow abgezogen und hast wieder mal gekriegt, was du wolltest! Du kriegst ja immer, was du willst! Alle glauben, dass du die liebe, nette Nika bist, aber im Grunde bist du knallhart! Ich wollte ein einziges Mal auf einer Bühne stehen, so wie du! Aber diese blöde Brillenkuh hat mich ja nicht mal angesehen! Die hat von Anfang an nur dich gewollt, Meggi und ich waren nur zu Dekorationszwecken dabei! Macht das Spaß, uns so vorzuführen? Gratuliere, du hast gewonnen! Du bist mal wieder besser als wir! Immer bist du besser, immer bist du was Besonderes! Ich will keine Freundin, die was besonderes ist! Ich will jemand wie Meggi, jemand, auf die ich mich verlassen kann, jemand die so ist wie ich! Ich will nicht mehr mit dir befreundet sein, ich will dich nicht mehr sehen, nie mehr!“
CC reißt das Polaroidfoto von ihrem T-Shirt und wirft es mir vor die Füße. Dann steht sie auf und geht. Meggi schaut mich kurz an, dann folgt sie CC.
Ich bin vollkommen geschockt von dem, was CC mir vorgeworfen hat. Sie will mich nie mehr sehen, ich kann es nicht fassen!
Ich warte einige Zeit, denn ich will den beiden nicht an der Haltestelle begegnen. Irgendwann stehe ich auf und trotte los. Das Polaroid von CC hebe ich auf.
Bis ich bei der Haltestelle bin begegnen mir mehrere Leuten. Wer mir entgegenkommt kann ich nicht erkennen, mir laufen so viele Tränen aus den Augen, dass alles verschwommen ist. Auch gut, die ganze Welt sollte sowieso nur noch wie verschleiert aussehen.
An der Haltestelle sehe ich Meggis Foto auf dem Boden liegen. Auch das hebe ich auf. Plötzlich steht Emmi neben mir. So nervig sie auch ist, in diesem Moment bin ich froh, dass sie da ist. Feinfühlig fragt sie, ob ich allein sein wolle, ich nicke und dann erzähle ich ihr, was passiert ist. Emmi versteht gut, dass CC sehr enttäuscht ist. Aber sie findet auch, dass ich keine Schuld habe, wenn ich weiter bin – Meggi und CC hätten nur mitmachen sollen, wenn sie ganz sicher gewesen wären, dass sie eine Chance haben. So wie ich eben.
Meine Bahn kommt. Ich stehe auf und bedanke mich bei Emmi. Kurz bevor ich einsteige sage ich ihr, dass ich nur weitergekommen bin, weil ich einmal im Fernsehen war und nicht, weil ich so umwerfend singe. Emmi blickt mich entsetzt an.
Irgendwann bin ich zu Hause. Niemand ist da. Ich schaue in den Kühlschrank, er ist voll wie immer, doch auf einmal habe ich keine Lust, mir irgendwas heraus zu nehmen.
Ich schleppe mich nach oben, lasse die Rollläden herunter, ziehe mich aus und lege mich ins Bett. Am liebsten würde ich nie, nie mehr aufwachen. Nein, besser: Wenn ich aufwache, dann soll alles nur ein böser Traum gewesen sein und alles ist wieder wie früher.
Ja, ich will, dass alles wieder wie früher ist.


...

Mein Auftritt in Show Nummer zwei
(Ausschnitt)

...
Plötzlich zieht Nora mich hoch, sagt was von „noch drei Minuten“ und ich solle sofort wieder auf die Bühne. Wie im Trance gehe ich raus und setze mich neben Sarie-Ann auf das feuerrote Sofa. Die Stimmung im Saal ist unbeschreiblich, mein Fanblock singt gerade „killing me softly“, doch alles klingt wie von sehr weit weg. Was soll ich denn jetzt machen? Ich muss, gleich nachdem ich zurück bin, zu Meggi und ihr alles erklären! Das mit CC ist schon schlimm, aber auch noch Meggi zu verlieren, das könnte ich nicht ertragen!
In zwei Minuten geht die Show weiter.
Noch heute Abend gehe ich zu Meggi, behaupte einfach, dass ich nichts für Konstantin empfinde, sondern nur jemanden zum Reden gebraucht habe und sie sich mit ihm verabreden soll! Ich muss mit Meggi reden, gleich nach der Show!
„Noch eine Minute und fünfzig Sekunden“, sagt irgendwer.
Ellmert stellt sich auf seine übliche Position in der Bühnenmitte.
Plötzlich nimmt Sarie-Ann meine Hand und drückt sie. Sie sitzt da als wolle sie auf keinen Fall auch nur die kleinste Bewegung machen.
„Nika, es ist aus!“, flüstert sie gepresst.
„Was ist aus?“, frage ich, obwohl ich lieber über das, was Meggi mir vorgeworfen hat, nachdenken würde.
„Ich hab gedacht, es ist vorbei! Aber nach über einem Jahr ist es wieder da!“, sagt sie. Eine Träne rinnt ihr über die Wange.
„Was denn, verflixt noch mal? Und hör endlich auf zu heulen, deine Silbersternchen schwimmen davon“, erwidere ich. Überall auf ihren Wangen hat sie kleine, silberne Sterne, passend zu ihrem Glitzerkleidchen.
„Es war toll mir dir! Danke für alles! Du bist, „Hicks“, die Beste!“, sagt sie, steht auf und will wegrennen. Doch ich lasse ihre Hand nicht los und ziehe sie resolut zurück auf das Sofa.
„Aua! Bitte, Nika, lass meine Hand los. Es ist vor-Hicks!“, sagt sie laut und erschrickt.
Sie hat einen Schluckauf! Sarie-Ann hat einen Schluckauf! Kein Wunder, bei dem Berg Gummibären, die sie in sich hineingestopft hat! Ich muss ihr helfen!
„Augen zu!“, flüstere ich, weil Ellmert schon blöde herschaut.
„Soll ich vielleicht singen: You can Hicks my Hicks?“, fragt sie verzweifelt. Die zweite Träne kullert ihr über die Wange.
„Mach die Augen zu und konzentrier dich!“, fauche ich sie an.
Wiederwillig schließt Sarie-Ann die Augen. Bevor ihr die nächste Träne über die Wange läuft wische ich sie schnell weg.
„Das geht jetzt mindestens eine Stunde so! Ich könnte wahn-Hicks-sinnig werden!“, stottert sie.
„Psst! Konzentrier dich!“, sage ich noch mal.
„Ich versuch‘s ja!“, sagt sie.
„Und halt endlich die Klappe! Du quatscht ja mehr wie ich!“, motze ich sie an.
Sarie-Ann nickt stumm.
„Tief einatmen!“, sage ich.
Sarie-Ann holt tief Luft.
„Die Luft anhalten!“, sage ich.
Sarie-Ann hält die Luft an.
„Jetzt drück sie in deinen Magen!“, sage ich schließlich.
Sarie-Ann versucht es, doch genau dann bekommt sie den nächsten Schluckauf, gefolgt vom einem heftigen Hustenanfall. Zu allem Überfluss steht Ellmert plötzlich neben mir.
„Hört endlich mit dem Blödsinn auf, in einer Minute sind wir auf Sendung!“, schnaubt er uns an.
„Verschwinden Sie“, sage ich kühl und drehe mich wieder zu Sarie-Ann.
„Was war das?“, erwidert er und schaut mich wütend an.
„Verschwinden Sie! Sofort!“, zische ich ihn noch mal an.
„Sag mal, was bildest du dir eigentlich ein?“, schreit er so laut, dass die Zuschauer es hören.
„Ihre Schminke! Da, unter Ihrem Mund!“, sagt eine Stimme hinter mir. Ellmert erschrickt. Er greift sich vorsichtig ans Kinn, dann fuchtelt er affig nach Heidrun, damit sie ihm das entgleiste Gesicht pudert. Natürlich war da nichts zu sehen, aber der Kerl ist weg. Ich drehe mich um und schaue in das grinsende Gesicht von Kyra. Ich nicke dankbar, dann wende ich mich wieder an Sarie-Ann.
„Noch mal: Konzentrier dich!“, befehle ich ihr.
„Ja! Hicks!“, sagt Sarie-Ann.
„Pumpe soviel Luft, wie du kannst, in deine Lungen!“, sage ich.
Sarie-Ann pumpt, als müsste sie das Matratzenlager einer gesamten Schulklasse aufblasen.
„Jetzt, wie beim Essen, kräftig runterdrücken! Ganz tief in den Bauch!“, sage ich.
Sarie-Ann drückt mit aller Kraft Luft in den Bauch. Dann atmet sie tief ein und öffnet die Augen. Ängstlich wartet sie einige Sekunden, ob der Schluckauf wirklich vorbei ist.
„Es ist weg! Der Schluckauf ist weg!“, sagt sie fassungslos.
Sie nimmt einen Atemzug nach dem anderen und kann kaum glauben, dass es tatsächlich vorbei ist.
Irgendwer sagt: „Noch 30 Sekunden!“.
„Nika, er ist weg! Ich glaub's ja-Hicks! Nein! Er ist noch da! Das war’s dann!“, sagt sie entsetzt.
Sie steht auf, doch ich ziehe sie so brutal zu mir, dass sie auf das Sofa knallt. Die Zuschauer im Studio starren zum Glück auf Ellmert, nur Pila schaut neugierig zu uns her.
„Noch mal tief einatmen! Dann versuch zu rülpsen!“, sage ich.
„Nika, es ist aus!“ sagt sie matt. Sie ist vollkommen fertig.
„Komm schon: Du musst rülpsen!“, fauche ich sie an.
„Bitte...“, fleht Sarie-Ann, doch ich kenne keine Gnade: Ich beuge mich in ihre Richtung, damit niemand etwas sehen kann, dann drücke ich meine Faust kräftig gegen ihren Bauch. Sie zuckt zusammen und starrt mich erschrocken an.
„Rülpsen! Stell dir vor, du hast 3 Cheeseburger, 13 Cola und 723 Gummibärchen gefuttert!“, sage ich.
„Hab ich auch. Es geht nicht“, erwidert sie gequält.
Noch „11, 10, 9“ höre ich eine Stimme im Lautsprecher sagen.
Jetzt oder nie: Ich drücke noch mal gegen ihren Bauch, diesmal richtig fest.
„Rülpsen! Auch die schönste Frau der Welt weiß, was rülpsen ist!“, sage ich verzweifelt. Das gibt’s doch nicht, ich muss diese Frau doch zum Rülpsen bringen!
„5, 4, 3“, höre ich die Stimme sagen.
Und dann, genau bei „2“, rülpst meine liebe Sarie-Ann so laut und so innig, dass so ziemlich alle Zuschauer im Studio zu uns herschauen. Zum Glück kann niemand mit Sicherheit sagen, wer die Übeltäterin war oder ob nur ein Mikrofon geknirscht hat. Außerdem ändert sich schlagartig das Licht, der Zoomland-Jingle ertönt und jeder vergisst sofort, was eben passiert ist.
„Ich...ich glaube, diesmal ist er weg!“, flüstert Sarie-Ann.
„Na hoffentlich! Wer sieht schon gern eine hicksende Sexbombe. Du bist dran!“, flüstere ich.
Plötzlich wird Sarie-Ann bewusst, dass Ellmert sie gerade angekündigt hat. Sie steht auf, drückt wirft mir noch schnell einen dankbaren Blick zu, dann rast sie auf die Bühne.
Eben noch hat Sarie-Ann gerülpst wie ein Auerochse nach einem dreitägigen Festmahl, plötzlich entwickelt sie sich zur heißesten Sexbombe auf dem Planeten:
Von Marilyn Monroe, über Madonna bis Christina Aguilera ist alles dabei: Sie wackelt mit dem Popo, rollt die Augen, zuckt mit ihrem Körper, dass man nicht genau weiß, ob sie es ernst meint oder sich einen Witz draus macht! Und dann, beim Refrain, bei diesem unsäglichen „You can ring my bell“ reißt sie blitzschnell den Reißverschluss ihres silbernes Glitzerkleidchens auf und wirft es in hohem Bogen von sich! Nun hat sie nur noch eine superenge, superkurze Hose an und ein knappes, bauchfreies Top, an dem sich mehr abzeichnet, als verbirgt! Schlimmer noch: Das Etwas von Höschen ist rosa, übelst rosa, und hinten, am Popo – ich kann gar nicht hinsehen, es ist fürchterlich – hinten, an ihrem Allerwertesten, hat sie ein plüschiges Hasenschwänzchen, ebenfalls rosa! Von hinten sieht sie jetzt aus wie ein Hase aus dem Plüschtierladen, von vorne wie ein Model für Unterwäsche, nur die rosa Stiefeletten irritieren! Jetzt dreht sie sich auch noch um, wackelt mit ihrem Häschenschwänzchen-Popo und lacht frech über die Schulter! Es ist unglaublich: Die Zuschauer lachen und beginnen, im Takt mitzuklatschen! Sarie-Ann spielt das dumme, rosa Häschen mit der wunderschönen, dunklen Haut und die Zuschauer lieben es! Und rosa Häschen springt herum, winkt mit den Armen, hüpft wie ein kleines Kind am Kinderplanschbecken hin und her, macht eine Supershow und am Ende singen alle dieses superdämliche „Ringeringering“! Und ich weiß nicht, wer dämlicher ist: Die bescheuerte Sarie-Ann, die sich zum rosa Affen macht oder die männlichen Zuschauer, die sie fasziniert anstarren! Aber auch die Frauen klatschen begeistert mit, denn Sarie-Ann spielt nicht das blöde, rosa Sexhäschen, sondern sie ist die freche, selbstbewusste Frau, die stolz auf ihren Körper ist und sich von niemand etwas sagen lässt, am allerwenigsten von den Männern!
Der Song ist noch nicht zu Ende, da bekommt Sarie-Ann einen irrsinnigen Applaus. Sie verneigt sich, sammelt ihr Glitzerkleid vom Boden auf und rennt zu uns! Glücklich fällt sie mir in die Arme und flüstert leise, sie würde mir „niemals nie“ vergessen, dass ich sie, vor ihrem „Sexhäschen-Auftritt“, zum Rülpsen gebracht habe! Sarie-Ann strahlt über ihr ganzes, wunderschönes Gesicht.
...


Erschienen im KOSMOS Verlag
www.kosmos.de



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